Ja, ich fühle mich ertappt.
Nun war ich 1989 erst 15, aber JA ich war definitiv ein direkter Profiteur der SED-Diktatur. Ich hatte eine friedliche Kindheit ohne Armut und Existenzangst, kostenlose Schule und medizinische Versorgung und BLA BLA BLA, das kennen wir ja alles schon. Aber mal im Ernst! Liebe Tante Marianne, wenn sich Leute, die nun eben mal NICHT unter dem unmenschlichen DDR-Regime gelitten haben, “zu Wort melden” dann nennt man das Meinungsfreiheit und Demokratie. Erinnerst Du Dich? Das war das, wofür Ihr damals vor 20 Jahren auf der Mauer getanzt habt. Aber naja, (wie ich mal irgendwo gelesen habe), politische Meinung ist eben wie ein Furz. Der eigene ist ganz OK, jedoch andere sind eben sehr unangenehm. Aber damit muss man einfach heute klar kommen! Und ich habe den Eindruck, wir “ewig gestrigen” kriegen das besser hin als Du.
Ich für meinen Teil, liebe Tante Marianne, bin weder in irgend einer Partei, die 40 Jahre den Sozialismus mit organisiert hat, noch bin ich kritiklos links. Und doch engagiere ich mich ganz bewusst politisch für Menschen, die in diesem abgewickelten Land ehrlich gelebt und fleißig gearbeitet haben, Menschen, die bis heute – auch unter den widrigsten Umständen – zu ihren Prinzipien und humanistischen Werten stehen und die mit ihrer Besonnenheit und ja: MENSCHLICHKEIT im Herbst 1989 dafür gesorgt haben, dass weder in deinen schicken Büroräumen in der Normannenstraße noch in der ganzen damaligen DDR ein Blutbad angerichtet wurde.
Es waren nämlich auf beiden Seiten MENSCHEN, die damals wie- und aus welchen Beweggründen auch immer – gehandelt oder auch nicht gehandelt haben. Und wie heute mit ihnen und ihrer Geschichte, ihrer Meinung und ihrem Leben umgegangen wird, ist Beweis für eine Intolleranz und Gesinnungsdiktatur in dieser Gesellschaft, wie sie der, welche Ihr damals zu Recht bekämpft habt, in nichts nachsteht.
Nun trotzdem wünsche ich Dir und Deiner Behörde für die Zukunft alles Gute und viel Erfolg. Zum Beispiel bei der Aufarbeitung der Geschichte des BND oder der Klärung der Beziehungen von Westdeutschen Politikern zum MfS oder gar zur Politik VOR 1945 sollten die Akten bestimmt noch sehr von Nutzen sein.
Aber eine Frage zum Abschied habe ich noch zu dem wahnsinnigen, offensichtlich auch noch 2011 immer größer werdenden Andrang bei den Anträgen auf Stasiakteneinsicht: 2009 besuchte Frau Merkel die BStU. Ein schöner Artikel dazu ist auf der Behörden-Website zu finden. Darin heisst es: Seit 1992 haben mehr als 2,5 Millionen Menschen einen Antrag auf persönliche Akteneinsicht gestellt.
Im heutigen FOCUS-Artikel heisst es nun: Insgesamt stellten seit Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes im Dezember 1991 (also sogar ein Jahr vorher!) rund 1,8 Millionen Menschen einen Antrag auf Akteneinsicht, manche davon (!!!) mehrfach.” Wo sind die denn auf einmal alle hin??
Wie geht das denn? Auf die ganze Zahlenspielerei hatte ich mich letztes Jahr schon mal in einem kleinen Artikel eingelassen: http://www.heimat-ddr.de/sites/Wieviele_Menschen_stellten_Antrag_auf_Stasi_Akteneinsicht.htm
Aber lassen wir das ganze Gezänk um Zahlen. Wichtig ist vielleicht nur die Grafik am Ende meines damaligen Beitrages.
Siehste! Und irgendwo in dem viel größeren roten Feld bin ich.
Ja, ich weiss selbst, dass es ein Glück ist, dass es mir gut ging! Aber Du hast verdammt nochmal zu respektieren, dass ich mich nicht jeden Tag dafür entschuldige, und dass ich kein TÄTER bin.
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